Ab 4. Juni 2026 online erhältlich!
Lena Neve, Anna Cavelius: Nur ein Abschied (BoD)
ISBN 978 3695 7009 98, Taschenbuch 14,– €
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Bist du ein Büchermensch?
Ja, absolut. Ich habe schon immer – auch als Kind – sehr gerne Bücher gelesen. In Tschechien hatten wir eine große Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern, und ich habe teilweise meine ganzen Ferien damit verbracht, einfach nur zu lesen. Geschichten haben mich schon immer fasziniert. Ich glaube, wir Menschen lieben Geschichten – sie fesseln uns, begleiten uns, inspirieren uns und helfen uns, uns weiterzuentwickeln.
In den letzten ein, zwei Jahren hat sich mein Zugang ein wenig verändert. Ich höre inzwischen vermehrt Podcasts und vor allem Hörbücher. Zum einen, weil meine Augen etwas schlechter geworden sind, zum anderen aber auch, weil mein Alltag sehr voll ist. Hörbücher lassen sich wunderbar nebenbei hören – beim Staubwischen, Kochen oder bei anderen Tätigkeiten. So kann ich Geschichten und Inhalte weiterhin genießen, auch wenn ich weniger Zeit zum klassischen Lesen habe.
Und, – vielleicht kennt ihr das auch – wenn man völlig gefesselt ist von einer Geschichte, sich mit den Figuren identifiziert, mit ihnen mitfühlt, mitfiebert … und plötzlich ist das Buch zu Ende. Das ist fast ein bisschen furchtbar. Man fällt in so ein kleines Loch, weil diese Welt, in der man so intensiv gelebt hat, auf einmal verschwindet.
So ging es mir über Jahrzehnte. Und die einzige Lösung war immer dieselbe: Ganz schnell musste ein neues gutes (!) Buch her.
Warum hast du angefangen, dich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen?
Ich glaube, es begann ganz leise, im November 2024. Plötzlich habe ich gemerkt: Ich bin über fünfzig, ich bin in der dritten Lebenshälfte. Und da tauchte auf einmal dieser Gedanke auf: Steuere ich jetzt auf meinen – irgendwann eintretenden – Tod zu und das war es? Das kann doch nicht alles gewesen sein! Unsere Tage, unser Leben – es ist oft kein Spaziergang durch einen rosaroten Garten. Wir gehen viele Wege. Schwierige Wege. Wir tragen, wir halten aus, wir wachsen. Und dann soll das alles einfach enden? Schwarzes Loch, aus, vorbei? Ich wollte das nicht einfach so hinnehmen. Es fühlte sich einfach nicht stimmig für mich an.
Ich bin zwar in einem Land aufgewachsen, das stark materialistisch geprägt war, bis die 1970er Jahre kommunistisch. Meine Eltern hatten damit nichts am Hut, aber sie waren atheistisch. Das bedeutete: Es existiert nur die Materie. Nur das Sichtbare zählt. Und genau das fing ich nun an zu hinterfragen. Weil mein Inneres sagte: Das stimmt so nicht. Da ist mehr.
Also begann ich, mich mit Nahtoderfahrungen zu beschäftigen. Ich las Bücher dazu, hörte Berichte. Und dann einen Podcast von Silvia Fink-Eisinger. Sie sprach über ihre verstorbene Tochter Tamina – und darüber, dass sie nach ihrem Tod mit ihr in Verbindung geblieben ist. Dass daraus sogar ein von der Tochter „diktiertes“ Buch entstanden ist: Mama, lass uns die Welt erobern.
Noch bevor ich es bestellt hatte, wusste ich: Darin finde ich etwas, was mir weiterhilft. Als ich es dann gelesen habe, war es für mich wie eine Offenbarung. Alles in mir wusste sofort: Das ist auch meine Wahrheit, hier kann ich mitgehen, es verstehen. Diese Perspektive – dass das Leben mit dem Tod nicht einfach endet, dass Bewusstsein weiterbesteht – hat für mich etwas ganz Entscheidendes verändert. Ich weiß, dass es in den Weltreligionen auch Konzepte gibt zum Leben nach dem Tod. Aber hier stand es ganz einfach, schwarz auf weiß, ein totes Mädchen kommuniziert mit ihrer trauernden Mutter. Für mich war das wie eine Erlösung. Und es lebt sich so viel feiner, so viel freier, wenn der Tod nicht das schwarze Loch und ein Ende ist, sondern „nur“ ein Übergang.
Ich habe mich bei Silvia bedankt. Ganz herzlich. Ich habe ihr geschrieben ohne Hintergedanken. Nur aus tiefem innerem Dank heraus. Und vielleicht war auch das der Beginn von allem.

Du hast einen Roman schreiben lassen. Was hat dich dazu gebracht?
Das überrascht mich bis heute selbst, weil es nie meine Absicht war, ein Buch zu schreiben. Aber irgendwann war da ein sehr starkes inneres Gefühl. Und dieses Gefühl blieb. Nicht nur einen Tag lang, sondern über mehr als ein Jahr. Es war wie eine innere Stimme, die immer deutlicher wurde: Ich soll anderen erzählen, wie es auch nach dem schmerzhaftesten Verlust überhaupt weitergehen kann. Wie kann es gelingen, sich auch im tiefsten Schmerz wieder dem Leben anzuvertrauen? Und dieses Buch – mein Buch – wollte ich unbedingt lesen!
Der eigentliche Beginn der ganzen Geschichte, die ich erzählen wollte, war für mich der 13. Februar 2025. Zufälligerweise der Todestag meines geliebten Opas. Doch rückblickend erkenne ich, dass vieles, das wichtig für die Geschichte war, sich schon viel früher angebahnt hat. Zwei Jahre zuvor habe ich mir ein Pferd gekauft. Ich hatte mein ganzes Leben lang Hunde und bin auch nicht mit Pferden groß geworden. Aber plötzlich war da dieses tiefe Empfinden: dass mich ein Pferd glücklich machen würde.
Alles andere wurde nebensächlich– ob wir in den Urlaub fahren oder nicht, war mir fast egal. Hauptsache, ein Pferd kommt in mein Leben. Dabei hatte ich überhaupt keine Erfahrung mit diesen wundervollen Tieren. … zumindest Angst hatte ich nie. Vielleicht, weil ich immer Hunde hatte – und dachte ganz naiv: Das wird schon ähnlich funktionieren. Heute weiß ich natürlich, dass ein Pferd in jeglicher Richtung eine ganz andere „Dimension“ hat. Und es war völlig klar, dass ein Pferd auch in der Erzählung nicht fehlen darf. Pferde trauern auf besondere Art und Weise …
Wie hast du deine Idee dann umgesetzt?
Ursprünglich habe in das Ganze als Film geplant, die Bilder waren alle in meinem Kopf. Aber auch dafür braucht man ein Fundament. Wenn aus der Geschichte irgendwann ein Film werden soll, dann muss zuerst ein Buch da sein. Etwas Greifbares. Eines wusste ich allerdings auch: Ich bin keine Schriftstellerin. Und wenn dieses Projekt wirklich gut werden sollte – richtig gut –, dann kann ich es nicht allein machen. Für mich war von Anfang an klar, dass ich eine Co-Autorin brauche. Eine Partnerin auf Augenhöhe. Jemanden, der das Schreiben lebt.
Also habe ich eine Agentur in Hamburg angeschrieben, meine Geschichte kurz geschildert und um Unterstützung gebeten. Drei Autorinnen wurden mir vorgeschlagen. Mit zwei jüngeren habe ich zuerst Videocool geführt – beide toll, beide sympathisch, es hätte gepasst. Aber tief in mir war schon das Gefühl: Die Dritte wird es sein.
Anna hatte mir vorab Textproben geschickt, und schon da hat etwas in mir „Ja“ gesagt. Als wir dann gesprochen haben, war es eigentlich sofort klar. Diese ersten Minuten – das war kein klassisches Kennenlernen. Es war eher ein: „Ach, da bist du ja.“ Ganz selbstverständlich. Ganz leicht. Und ich wusste während des Gesprächs schon: Das ist sie.
Ganz am Anfang sind wir dann in die Schweiz gefahren, nach Vals – an den Ort, wo einige Szenen der Geschichte spielen. Das war unser erstes persönliches Treffen. Und es war magisch. Als würden sich zwei Menschen treffen, die sich schon ewig kennen. Wir hatten sofort einen gemeinsamen Flow, eine ähnliche Energie – jede auf ihre Art, aber perfekt ergänzend.
Dann haben wir relativ schnell angefangen, gemeinsam zu plotten, Figuren zu entwickeln, die Struktur aufzubauen. Manche Figuren tragen viel Persönliches in sich – zum Beispiel sind in der Figur Jan viele Züge meines Mannes zu finden. Und dann begann es zu fließen. Anna schrieb Kapitel für Kapitel – und es war, als würde sie genau das ausdrücken, was ich innerlich schon gespürt habe. Mein Mann und ich waren die ersten Leser, und mit jedem Kapitel war da eine tiefe Resonanz. Ich musste nichts kontrollieren, nichts korrigieren. Es war Vertrauen pur.
Ein ganz besonderer Moment war das sogenannte „Kapitel X“, meine Botschaft, ein eher spiritueller Teil, den ich in einer Rohform eingebracht hatte. Anna hat es in ihre Sprache übersetzt, in den Gesamtklang des Buches eingebettet. Als ich es gelesen habe, hatte ich Gänsehaut. Da wusste ich: Jetzt ist es da. Jetzt ist es wirklich geboren.
Anna bringt unglaublich viel mit – philosophisches Denken, psychologisches Feingefühl, ein Gespür für Musik und Rhythmus in Sprache. Und vor allem: Für sie war es genauso ein Herzensprojekt wie für mich.
Welche Vorbilder hattest du im Kopf?
Hier gab es zwei Bezugspunkte: „Der Pferdeflüsterer“ – wegen seiner ruhigen Intensität und Bildkraft, auch im Film. Von der Emotionalität und dem Umgang mit Verlust und Schmerz war das ein ganz wichtiges Vorbild Und „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes – mit seiner einzigartigen Komposition aus Tiefe und Leichtigkeit.
Was beruht bei der Geschichte des Romans auf wahren Begebenheiten? Was ist erdacht?
Der Roman beginnt mit einem Reitunfall und dem Tod eines jungen Mädchens – und genau das entspricht der Wirklichkeit. Auch die echte Tara ist durch einen Reitunfall ums Leben gekommen. Dieser tragische Verlust und die tiefgreifenden Auswirkungen auf ihre Familie sind der wahre Kern der Geschichte. Auch Taras besondere Verbindung zu Pferden ist nicht erfunden. Die echte Tara liebte Pferde und hatte einen ganz besonderen Draht zu diesen sensiblen, mächtigen Tieren. Das Mädchen war sehr feinfühlig, heute würde man wahrscheinlich sagen: hochsensibel. Obwohl ich sie im Leben nicht persönlich gekannt habe, habe ich durch meine eigene Sensibilität das Gefühl, sie zu kennen. Viele Facetten ihrer Darstellung entstanden dann auch aus Gesprächen mit ihrer Mutter.
»Sich dem Leben anzuvertrauen, auch wenn das Schicksal uns das Schlimmste beschert.«
Erdacht ist dagegen der weitere Plot des Romans nach dem Unfall: Wie die Familienmitglieder mit dem Verlust umgehen, ist zum einen Fantasie und entspringt natürlich den Beobachtungen und der Gefühlswelt meiner Co-Autorin Anna Cavelius. In bestimmten Episoden im Buch haben wir auch biografische Ereignisse eingeflochten. Die Flucht von Jans Eltern im Prager Frühling beruht auf Erlebnissen des Vaters meines Mannes, der aus Ungarn floh. Im Roman haben wir dies auf die Tschechoslowakei im Jahr 1968 übertragen.
Was ist die zentrale Botschaft deines Buches?
Sich dem Leben anzuvertrauen, auch wenn das Schicksal uns das Schlimmste beschert. Was mich im Vorfeld zu dem Roman am meisten bewegt hat, war diese Veränderung in mir. Diese neue Gewissheit: Wir alle wissen – da können wir noch so sehr den Kopf in den Sand stecken –, dass am Ende unseres Lebens in dieser Welt der Tod steht. So sicher wie die Geburt, so sicher ist auch das Sterben. Und trotzdem ist dieses Thema so schwer, dunkel, angstbesetzt – für die meisten von uns. Man trägt also – bewusst oder unbewusst – diese Angst ein Leben lang in sich.
Diese Wahrnehmung hat sich bei mir verändert. Die Angst ist ganz leise geworden. Nicht, weil ich den Gedanken an Tod verdränge, sondern weil ich ihn anders sehe. Als Teil des Lebens und NICHT als sein Ende. Das hat meine Lebensqualität enorm verändert. Wenn man nicht mehr dieses „Oh Gott, irgendwann ist alles vorbei und ich bin nicht mehr da“ im Hintergrund laufen hat, lebt man freier. Mehr im Hier und Jetzt. Leichter. Und auch freundlicher, friedfertiger und gelassener. Diese Art des Denkens kann jeden von uns, davon bin ich überzeugt, zu besseren Menschen machen …
»Der Tod gehört zum Leben. Er ist kein Fehler im System.«
Die Botschaft meines Buches ist deshalb ganz einfach – und gleichzeitig groß: Wir dürfen trauern, wenn wir jemanden verlieren und er aus dieser Welt verschwindet. Wir tun es, wenn wir ihn oder sie geliebt haben. Aber wir müssen nicht leiden. Weil die Menschen, die wir lieben, immer da sind. Nur in einer anderen Sphäre, nennen wir es Gedanken, Gefühle, in unserem Herzen.
Der Tod gehört zum Leben. Er ist kein Fehler im System. Er ist ein wichtiger Teil, aus dem wir viel lernen können für unser Leben jetzt.
Er ist ein Übergang. Ein Wechsel von der sichtbaren, materiellen Ebene in etwas Feineres. Wir gehen dorthin zurück, woher wir einmal gekommen sind. Möglicherweise. Aber sicher ist für mich, dass der Tod niemals das Ende ist, er ist immer auch ein Anfang …
Allein, dies nur mal in Betracht zu ziehen, verändert etwas. Wenn du beginnst, über den Tellerrand zu schauen und diese Gedanken wirklich wirken lässt, wird dein Leben anders. Du regst sich weniger über Kleinigkeiten auf. Du erkennst besser, was wirklich zählt. Man wird nachsichtiger und freundlicher mit sich und anderen. Es kommt eine Art innere Leichtigkeit und Ruhe.
Vielleicht kann meine Botschaft – etwas weniger Angst vor dem Tod und etwas mehr Vertrauen ins Leben zu vermitteln – in unserem Roman ein kleines Stück dazu beitragen, dass unsere Welt ein kleines Stück besser wird.
Welche Erfahrungen haben deine Erstleserinnen und Erstleser mit dem Roman gemacht?
Im Grunde genau die Erfahrung, die ich mir gewünscht habe. Alle haben stark mit unseren Figuren mitgefühlt. Einige haben gesagt, dass sie die Szenen fast wie in einem Film vor sich gesehen haben. Genau diese Nähe war mir wichtig. Es sind Tränen geflossen – aber es wurde auch gelächelt und manchmal sogar gelacht. Was will man mehr als Erzählerin? Sobald Gefühle im Spiel sind und Liebe für die Figuren, hat sich die Geschichte und ihre Botschaft in die Herzen seiner Leser Leserinnen gesenkt. Genau das war mein Wunsch. Besser geht es nicht.
05.05.2026 © Lenka Freytag
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